Neun mal Fassungslosigkeit – jeden Tag

Neun Familien, in denen jemand plötzlich nicht mehr da ist, neun Freundeskreise, in deren Mitte ein Stuhl leer bleibt. Genau dies geschieht in Deutschland jeden Tag durch Tod im Straßenverkehr.

Jeder dieser Toten wurde durch ein jähes Ereignis – mittels eines Autos – aus dem Leben gerissen und hinterlässt Familie und Freund*innen in tiefer Traurigkeit. Diese Traurigkeit kommt zusammen mit Wut. Mit ohnmächtiger Wut einen geliebten Menschen plötzlich und auf traumatische Art verloren zu haben. Auf eine Art, die hätte verhindert werden können, ja, verhindert werden müssen. Ärger auch darüber, dass der Tod im Straßenverkehr kaum mehr aufregt oder empört.

Politisch und gesellschaftlich akzeptieren wir, dass Tag für Tag Menschen aus absurden Gründen in unserer Mitte zu Tode kommen. Das war in den letzten Jahrzehnten so und setzt sich Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr fort. Als wäre es ein Naturgesetz.

Dazu kommen all die Menschen, die verletzt oder schwerstverletzt werden. Deren Leben sich mit einer einzigen Sekunde für immer dramatisch verändert. Die Betroffenen leben weiter mit dem latenten Schuldbewusstsein: Habe ich einen Fehler gemacht? Was hätte ich anders machen können? Wäre ich nur zu Hause geblieben!

Obwohl der „Tod auf den Straßen“ jedes Jahr tausendfach in Deutschland passiert, ist jeder Betroffene mit seinem Schicksal allein. Wenn wir uns aber die Zahlen anschauen, repräsentieren diese die wirkliche Katastrophe. Weltweit sind in den letzten 25 Jahren mehr als 30.000.000 (30 Millionen) Menschen als Folge von Verkehrsunfällen gestorben und mehr als 1.000.000.000 (1 Milliarde) schwerwiegend verletzt worden. Dazu kommen die unzähligen Menschen, die direkt oder indirekt durch den Tod oder die Verletzungen betroffen sind.

© Denis Petri

Seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland sind mehr als 700.000 Menschen auf den Straßen in Deutschland getötet worden. Das sind kalte und nackte Zahlen, die die dahinterliegende Schicksale nicht reflektieren können. Zahlen, die aber wichtig sind, um ein Bewusstsein zu schaffen und einen Änderungsprozess anzustoßen. Eine grundlegende und vor allem schnelle Änderung weg von Menschenleben gefährdender Verkehrspolitik hin zu mehr Verantwortung. Wir alle tragen eine Mitschuld, weil wir der individuellen, schnellen und unbegrenzten Mobilität mit dem Auto eine zu hohe Priorität einräumen.

Mit einem zentralen Mahnmal vor dem politisch verantwortlichen Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur in Berlin soll ein Signal des Anstands gesetzt werden, dass in der Bundesrepublik Deutschland in Bezug auf die Verkehrssicherheit ein neues Zeitalter in Richtung Vision Zero eingeläutet wird. Es soll mahnen, dass jede Verzögerung einer menschengerechten Verkehrspolitik weitere Tote und Verletzte zur Folge hat und dass es nicht reicht, sich zu diesem Ziel mit Worten zu bekennen. Den politisch Verantwortlichen muss jeden Tag klar sein, dass eine aufgeschobene Entscheidung neun Leben kostet.